Den Krieg im Innen beenden

Geliebt wirst Du einzig, wo schwach Du Dich zeigen kannst, ohne Stärke zu provozieren.

Theodor W. Adorno

Was können wir bezüglich des Krieges gegen die Ukraine, neben all den bereits bekannten Dingen, wie z.B. Menschen bei sich aufzunehmen, die vor dem Krieg geflohen sind, zu protestieren und zu beten, noch tun?

Mit dieser Frage beschäftigte sich am vergangenen Wochenende eine zehnköpfige Gruppe von Visionssuche-Leiter*innen, die sich dazu im Eschwege Institut trafen. Konkret stellten wir uns die Frage, welcher „innere Krieg“ unserem gesellschaftlichen Kollektiv z.Zt. mit dem Krieg gegen die Ukraine, im Außen gespiegelt wird?

Mit diesem Artikel möchte ich davon berichten, was aus „meiner Sicht“ dabei herauskam und damit zugleich an meinen, vor einigen Monaten veröffentlichten Essay mit dem Titel „Die Männer sind nicht das Patriarchat“ (siehe hier) anschließen. Kontextbedingt sind kurze Passagen aus jenem Essay hier noch einmal leicht verändert eingebaut. Standpunkte, die ich dabei der Institution der Kirche gegenüber vertrete, bilden nicht die Meinung jener Gruppe ab, die sich am Wochenende versammelte, sondern ausdrücklich meine:

 

Das kollektive Trauma

So, wie das Patriarchat psychologisch gesehen, mit seinen perfiden Wirkmechanismen, tiefer in uns drin steckt, als uns lieb sein kann, so hat sich auch eine kollektive Angst in uns breit gemacht, von diesem menschenverachtenden System vernichtet zu werden, sollten wir ihm zur Gefahr werden, oder uns unvorsichtigerweise schwach zeigen.

Diese Wortwahl mag auf dem ersten Blick übertrieben klingen, erscheint aber, aus der Perspektive der Psychotrauma-Theorie nachvollziehbar. Ich will im Folgenden eine kollektive Traumatisierung in den Blick nehmen, die unsere menschliche Gemeinschaft während der jahrhundertelangen Vorherrschaft des Patriarchats erleiden musste. Diese Traumatisierung hängt mit dem Erfolgsrezept des Patriarchats zusammen, nämlich der freiwilligen, von seinen Mitgliedern an sich selbst vorgenommenen Unterdrückung der eigenen Gefühle und Bedürfnisse. Das Trauma geht auf ungezählte, individuell oder kollektiv erlittene und zudem brutale Gegenmaßnahmen des Systems zurück, wenn Einzelne oder Gruppen begannen, sich dennoch mit ihrer Zartheit und Verletzlichkeit zu zeigen und die Liebe anstelle der Angst zu ihrem Leitmotiv machten.

Ich hatte in meinem vorgenannten Essay schon auf einen berühmten Fall hingewiesen, der uns beispielhaft vor Augen führen kann, was ich meine, nämlich auf die Hinrichtung von Jesus Christus. Dieser hatte zur ersten Hoch-Zeit des Patriarchats und seines hierarchischen Systems, nämlich zur Zeit des römischen Reiches, gewagt sich mit seiner Überzeugung und Lebensweise sowie mit einigem Charisma, gegen das damalige Establishment zu stellen. Nicht als Trotzkopf, nicht aus Gründen pubertäre Identitätsfindung durch die Rebellion gegen das Establishment und auch nicht als geplanten Kampf gegen das System, sondern schlicht durch sein authentisches und standhaftes Sein, das er den anderen Menschen gegenüber mit Worten und Taten vertrat.

Er predigte seiner schnell wachsenden Anhängerschaft etwas, dass die Befreiung aus dem Joch jenes autoaggressiven und gewaltsamen Systems verhieß. Er predigte von der Liebe als vornehmstes Gesetz und als Kraft, die alle, egal wie tief in der römischen, oder jüdischen Hierarchie eingeordnet, ob Verbrecher, Aussätziger, Reicher, Armer, Versager oder Andersdenkender, frei macht und adelt. Menschen, die ihn hörten und erlebten fingen daraufhin an, über sich keine andere Autorität mehr als das Göttliche zu akzeptieren und wählten statt der systemimmanenten Angst, die Liebe. In solcher Weise frei gewordene Menschen, waren aus römischer Sicht unregierbar geworden, waren es für die spätere römisch-katholische Kirche auch und wären es im positivsten Sinne auch heute noch.

Deshalb musste Jesus physisch vernichtet werden, er musste ans Kreuz geschlagen und auf dem Altar des Patriarchats geopfert werden, so wie auch wir dort täglich unsere Gefühle und Bedürfnisse, unsere Zartheit und unsere unverdorbene Liebe opfern, damit dieses System weiter existieren kann. Er musste sterben, weil er nicht nur dem patriarchalen System der Römer, sondern auch dem des Judentums mit seinem Klerus und religiösen hohen Gericht, dem Sanhedrin, ein Dorn im Auge war.

Im Judentum durfte nur der Hohepriester zum Allerheiligsten, der Bundeslade, vordringen, die in einem nur dafür vorgesehenen Raum im Tempel, hinter einem Vorhang verborgen stand. Und zu ihm, dem Hohepriester, durften wiederum nur die Priester, an die sich die normal sterblichen Menschen mit ihren Anliegen wenden konnten. Die Priester hatten sich zwischen die Menschen und Gott gestellt, so wie es später die Katholische Kirche wieder tat, als sie auf dem Konzil von Nicäa festlegte, dass Mensch nur durch Vermittlung der heiligen Mutter Kirche mit Gott in Kontakt treten könne. Dabei hatte es in dem Moment als Jesus am Kreuz verschied ein ziemlich deutliches Zeichen gegeben, dass diese spirituelle Entmündigung nun ein Ende hat, als nämlich jener Vorhang vor dem Allerheiligsten zerriss und das Allerheiligste jetzt von jedem gesehen werden konnte.

Durch nichts wurde die mutige Standhaftigkeit Jesu und seine Botschaft der Liebe später schlimmer verraten, als durch die Institution der katholischen Kirche. Sie, die für sich selbst in Anspruch nimmt, als einzige Institution „der fortlebende Christus“ zu sein, errichtete selber eine der härtesten Hierarchien und patriarchalen Systeme unserer Geschichte. Um diesen hierarchischen Macht-Apparat und dessen Vorherrschaft gegenüber konkurrierenden Glaubensgemeinschaften, wie etwa der Katharer, oder später der Waldenser, durchzusetzen, wurden entsetzliche und brutale Kriege geführt und wurden Andersdenkende auf ungezählten Scheiterhaufen bei lebendigem Leibe verbrannt, nachdem man sie oft tagelang hochnotpeinlich gefoltert hatte. Berühmte Fälle wie etwa der des christlichen Reformators Jan Hus oder des Mönches Giordano Bruno zeigen, wie die Inquisition gerade solche Menschen physisch vernichten wollte, die so wie Jesus seinerzeit, durch ihr unverbrüchliches Bekenntnis zur Liebe und ihrer Verweigerung sich Angst machen zu lassen, eine Gefahr für die Machtinteressen des Klerus darstellten. Mit solchen mutigen und standhaften Menschen wurde Jesus gewissermaßen noch tausendfach wieder ans Kreuz geschlagen.

Zwangstaufen gab es nicht nur bei meinen friesischen Vorfahren, sondern auch bei den meist friedfertigen indigenen Völkern der Amerikas, bei denen dafür ganze Dorfgemeinschaften in Flüssen ertränkt wurden und zur Verherrlichung Jesu und der 12 Apostel jeweils 13 Indios nebeneinander erhängt wurden.

Die Kirche stellte kaum einzuhaltende moralische Regeln auf und gab sich zugleich als die einzige Einrichtung, die die so angehäuften Sünden wieder vergeben könne. Für alle Sünder, die nicht beichteten, dachte die Kirche sich die ewige Verdammnis in einer Hölle aus, die in den entsprechenden bildlichen Darstellungen, verdächtige Ähnlichkeit mit ihren eigenen Folterkellern hatte.

Die Kirche ist ein eindrückliches Beispiel für die perfiden Wirkmechanismen patriarchaler Systeme, weil sie eben mit Angst arbeitete, von einem Herrgott sprach, der immer alles sieht und von einem Teufel, der einem über die Schulter schaut, wenn man sich im Spiegel bewundern sollte. Man könnte etwas satirisch sarkastisch sagen, dass es die katholische Kirche Ablassbriefe im Wert sehr vieler Petersdome kosten würde, um sich von der Sündenlast durch all die von ihr begangenen und ungesühnten Morde, Folterungen, politischen Intrigen,  Vergewaltigungen und Verängstigungen freikaufen zu können.

Eine erste vage Entschuldigung für die Vergehen der Kirche gab es durch Papst Johannes Paul II. erst im Jahre 2000, wobei allerdings nur fehlgeleitete Glieder der Kirche gemeint waren und nie die kirchliche Institution an sich, die sich ja selbst für unfehlbar erklärt hatte. Seitdem Papst Franziskus 2016 mit weiteren historischen Entschuldigungen aufwartete, kommt er mit den Entschuldigungen gar nicht mehr hinterher, nachdem in den verschiedenen Ländern ständig neue Untersuchungsergebnisse zu sexuellem Missbrauch veröffentlicht werden und 2021 in Kanada wieder neue Massengräber mit tausenden von in katholischen Umerziehungsinternaten zu Tode gekommener indigener Kinder gefunden wurden. Diese Kinder wurden, bis in die 1990´er Jahre den so genannten Wilden, von Staats wegen und natürlich gegen deren Willen weggenommen, um sie zu guten Christen umzuerziehen. Doch in jenen Internaten wurden sie nachweislich sowie systematisch physisch und psychisch misshandelt und sexuell missbraucht.

Das eine ist solche Gräueltaten zu vergeben, wie ein Jesus es sicherlich tun würde, das andere ist jedoch die Frage, ob ein wahres Christentum unter den Bedingungen einer patriarchal organisierten Kirche überhaupt möglich ist. Die Geschichte der Institution der Kirche hat meiner Meinung nach hinreichend bewiesen, dass dies ein Widerspruch in sich selbst ist. Spiritualität ist letztlich eine mystische Praxis, durch die der Einzelne die Art seiner Verbundenheit mit allem und mit dem wer er ur-eigentlich ist, selber erfährt. Religiöse Gemeinschaft hat ihren Sinn in der gegenseitigen Erinnerung an unser wahres Sein, unser bedingungsloses Geliebt-Sein und die Möglichkeit der Selbst-Annahme und -Vergebung, wenn wir wieder einmal vergessen haben sollten, wer wir sind.

Das Patriarchat ist aber ja, wie in meinem o.g. Essay ausgeführt, eine krankmachende Gesellschaftsordnung, die z.Zt. noch allen großen politischen Systemen, also dem Kapitalismus genauso wie dem Kommunismus, Sozialismus und den sog. Gottesstaaten, zugrunde liegt. In ihnen können wir dieselben perfiden Mechanismen beobachten, wie wir sie gerade am Beispiel der katholischen Kirche betrachtet haben. Die indigene Aktivistin Pat McCabe bezeichnet das vorherrschende Paradigma des Patriarchats als „power-over paradigm“, also das Paradigma des mächtig seins über andere, statt mit ihnen gemeinsam zu gestalten, ein Paradigma, unter dem Männer wie Frauen gleichermaßen zu leiden hätten. Jegliche Äußerung der Schwäche provoziert dabei die Stärke unseres Gegenübers, das sich in beständiger Angst, in der hierarchischen Wertigkeits-Scala abgewertet zu werden, sogleich etwas besser und stärker fühlen kann.

Die geopolitische Folge dessen ist, dass friedfertige Staaten, wie z.B. das Tibet der 1950ér Jahre, von ihrem Nachbarland überrannt, mit Gewalt überzogen und besetzt werden. Und wir sollten uns nichts vormachen, England und die Russland standen damals auch schon in den Startlöchern und hätten sich Tibet genommen, wäre China ihnen nicht zuvorgekommen. Das friedfertige und liebevolle Hawaiianische Volk hieß die ersten weißen Eindringlinge und Missionare mit offenen Armen und „Aloha“ rufend willkommen und lebt heute zumeist als land- und obdachlose Arme in schäbigen alten amerikanischen Autos. Und jetzt geschieht es gerade wieder, indem, vor unser aller Augen, ein durch Putins Großmachtbestreben erneut angefeuertes und extrem patriarchal, weil diktatorisch ausgerichtetes System über das friedfertige Volk der Ukrainer herfällt.

Ich habe selbst Gelegenheit gehabt das friedfertige Volk der Ukrainer kennen zu lernen als ich dort mehrere Jahre hintereinander Seminare angeboten habe. Selten habe ich solch liebevolle und fürsorgliche Menschen kennen gelernt. Doch ihr Land hatte sich nach dem verheerenden zweiten Weltkrieg, der Schreckensherrschaft durch Stalin sowie von der Misswirtschaft innerhalb der Sowjetunion nie ganz erholt und ist deshalb wirtschaftlich und militärisch noch schwach. Die Ukraine ist noch lange auf den Schutz durch das Völkerrecht angewiesen, welches besagt dass die Grenzen souveräner Staaten unantastbar sind, um sich vollends zu erholen. Stattdessen nutzt das Putin-geführte Russland seine Schwäche jedoch aus und versucht sich die Ukraine einfach einzuverleiben, so wie es das mit Teilen Georgiens und mit der Krim bereits getan hat.

Doch kehren wir zurück auf die individuelle Ebene und zu dem, was dies alles mit uns selber zu tun haben könnte. Jeder einzelne Mensch, der dem psychologisch tief verinnerlichten Patriarchat in sich selbst Einhalt gebietet, die Liebe über die Angst stellt und sich seiner Zartheit nicht mehr schämt, wird zu einem vollständigen Menschen, wird charismatisch und hört auf sich in seiner Selbstwirksamkeit zu beschneiden. Jeder Mensch der das tut, stellt sich damit jedoch auch außerhalb der systemimmanenten Hierarchie unserer Gesellschaftsordnung und stört diese. Jeder Mensch der sich so verhält, ist damit, wie einst Jesus und Mahatma Gandhi, eine Gefahr für die Profiteure des Systems und muss nun, aus dem kollektiven und in Jahrhunderten aufgebauten Trauma heraus befürchten, dafür vernichtet zu werden.

Dieses Trauma und der damit verbundene kollektive Schmerz sitzen immer noch sehr tief und ein von unserem kollektiven Wesen abgespaltener Anteil muss deshalb auch immer noch als Überlebens-Anteil jenes Verließ bewachen, in dass wir den kollektiven Schmerz verbannten. Wir taten dies, aus demselben Grund, aus dem wir dies bei jeder Traumatisierung tun, nämlich weil uns dieser Schmerz so groß erschien, dass wir glauben mussten, er würde uns überwältigen und zerstören, müssten wir ihn fühlen. Dieses Trauma hatte auch einige Selbstschutz-Beschlüsse und Glaubenssätze zu Folge, die kollektiv immer noch wirksam sind.

Die Folge dessen ist, dass es uns, selbst in sehr vertrautem Kreise, immer noch schwer fällt uns schwach, verletzlich und zart zu zeigen. Selbst hier regiert im Unbewussten die Angst vor Ausgrenzung und Übervorteilung, statt dass wir der Liebe ihren Raum geben. Im „power-over paradigm“, müssen wir einfach immer befürchten, dass wir im Sinne von Theodor Adornos an den Anfang gestellten Zitates, in Abwesenheit der Liebe, Stärke bei unserem Gegenüber provozieren. Man lehrte uns von Kindesbeinen an die Angst, am Ende die Unterlegenen, die Verlierer und dummen Übervorteilten zu sein. Man lehrte uns, dass die Konkurrenz nicht schläft und obwohl wir diese meist gar nicht kennen, glauben wir schneller und ausgebuffter als diese sein zu müssen.

 

Was können wir also, neben all den schon bekannten Maßnahmen, noch tun?

Wenn wir uns jetzt fragen, welcher innere Krieg unserem gesellschaftlichen Kollektiv z.Zt. mit dem Krieg gegen die Ukraine im Außen gespiegelt wird, dann könnte man, zugegebenermaßen etwas vereinfacht sagen: Das, was das psychologisch tief verinnerlichte „power-over paradigm“ mit uns auf täglicher Basis macht. Wie ein zu jeder Schandtat bereiter russischer Geheimdienst, haben wir nämlich in unserem eigenen Inneren eine Instanz erschaffen, die alles Zarte, Liebevolle und Freie kontrollieren will und ggf. unterdrücken würde. Wir tun dies alles um nicht selber als „schwach“, bzw. als „gefährlich“ erkannt und dann übervorteilt oder vernichtet zu werden.

Wozu könnte uns die Einsicht in diese innere Parallele zum äußeren Krieg nutzen?

Aus Sicht der Hawaiianischen Philosophie des Ho´oponopono, der Kunst etwas wieder in Ordnung zu bringen, unterliegt alles, was man sieht, hört, fühlt oder auf irgendeine Weise erfährt, der Selbstverantwortung, da es durch die Wahrnehmung zum eigenen Leben gehört. Probleme bestehen aus dieser Sicht nicht in der außerhalb von uns liegenden Wirklichkeit, sondern immer innerhalb. Um die Wirklichkeit zu verändern, so heißt es in diesem Vergebungs-Verfahren, muss der Mensch sich selbst ändern, da die vollständige Verantwortung beinhalte, dass alles Äußere als Projektion aus dem Inneren des Menschen betrachtet wird. In der Praxis des Ho´oponopono, nimmt man deshalb, was immer jemandem im wahrgenommenen Umfeld oder einem selbst widerfährt, zu sich und macht sich die eigene Verantwortung dafür bewusst.

Erleben wir zum Beispiel in unserem Umfeld Missgunst, gehen wir im Ho´oponopono davon aus, dass sich die Missgunst in unserem Inneren befindet und eines unserer unerlösten Themen darstellt. Wenn wir möchten, dass es aufhört, sich in unserem äußeren Umfeld zu zeigen, sollten wir uns dieses Themas annehmen. Nur vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass wir im Ho´oponopono, wenn sich jemand uns gegenüber als missgünstig erwiesen hat, diesem mit dem Mantra „Ich liebe dich. Bitte vergib mir. Es tut mir leid. Danke“ begegnen. Aus Sicht des Ho´oponopono wurde unser Mitmensch nämlich zu einem Statisten/einer Statistin in der komplexen Inszenierung unseres eigenen inneren und meist unbewussten Dramas. Wir beginnen Verantwortung dafür zu übernehmen, indem wir dafür um Vergebung bitten.

Unabhängig davon, ob uns von diesem Jemand vergeben wird und ob wir überhaupt je hingingen, um um Vergebung zu bitten, haben wir jedoch die Ursache des Ereignisses in uns selbst erkannt und benannt. Wie im Märchen vom Rumpelstilzchen hat dieses Thema damit seine Macht über uns verloren. Seit wir es beim Namen nennen, kann es nicht mehr so überraschend wie ein Sommerregen über uns kommen, sondern haben wir die Freiheit gestaltend damit umzugehen. Ein Wandlungsprozess wurde ausgelöst und wird auf längere Sicht dazu führen, dass wir dieses Thema in uns selbst erlösen. Sobald wir die Ursache in uns zu Ende bearbeitet haben, muss es in dem von uns wahrgenommenen Umfeld beziehungsweise in unserer Wirklichkeit keine Missgunst mehr geben. Wir haben es damit wieder „in Ordnung gebracht“.

Obwohl dieser psychologische Vorgang nicht so leicht auf das Kollektiv unserer patriarchalen Gesellschaft zu übertragen ist, müsste es doch möglich sein, als einzelnes Mitglied dieser Gesellschaft damit zu beginnen.

Wenn wir uns also Fragen, was wir denn tun könnten, um diesen inneren Krieg zu beenden, dann kommen wir zwangsläufig wieder zu all dem kindlich Zarten und Liebevollen in uns zurück, das darauf wartet, von dieser Schreckensherrschaft befreit und von uns wieder angenommen, geliebt und gelebt zu werden.

Wir kommen zu der Aufforderung zurück, den Mut zu haben, die Liebe über die Angst zu stellen und jedem Ausdruck von Zartheit und vermeintlicher Schwäche, sei es von uns selbst oder von anderen, mit Liebe und Wohlwollen zu begegnen. Es ist die Aufforderung das Patriarchat und das hierarchische Denken tatsächlich hinter uns zu lassen, damit nicht mehr viele in ihrer Selbstwirksamkeit beschnitten werden müssen, nur damit wenige mächtiger sein können als sie. Wir kommen zu der Einladung, dass jeder und jede wieder so strahlend und schön sein darf, wie er oder sie nur kann, ohne befürchten zu müssen, von einem barbarischen System der Gleichmacherei und Konkurrenz, auf ein für die anderen erträgliches Maß herunter nivelliert zu werden.

Eine solche Barbarei wäre in einer nichthierarchischen Ordnung nicht nötig. Niemand müsste sich mehr durch einen Jesus in seiner oder ihrer Machtstellung bedroht fühlen und niemand müsste mehr ans Kreuz geschlagen werden, welcher Art auch immer. Niemand hätte es mehr nötig, um selber besser dazustehen, bzw. sich wieder wertvoller zu fühlen, einen anderen, oder andere zu erniedrigen. Keine Minderheit, kein fiktiver innerer oder äußerer Feind müsste mehr dafür herhalten und bekämpft oder gar vernichtet werden. Auch müsste niemand mehr die eigenen Bedürfnisse und Gefühle unterdrücken und könnten wir alle mit unseren einzigartigen Talenten und Eigenschaften in Gänze erblühen. Wir könnten dem Garten des Lebens unseren jeweils einzigartigen Duft, unsere einzigartige Farbe und unseren ebensolchen Klang hinzufügen. Das Leben um uns herum wäre eine gewaltige Symphonie und es würde eine buntere, vielseitigere und inspiriertere Welt entstehen, die klüger und flexibler mit Herausforderungen umgehen könnte, weil niemand mehr überfordert ist, da jeder und jede schlicht an seinem*ihrem Platz steht und dort tut was er*sie kann.

Wir können es leicht in uns selbst beobachten, ob wir bereits in einem solchen Garten zu leben bereit sind, oder ob wir noch eher zur Barbarei neigen. Können wir einander strahlend und charismatisch sein lassen und haben wir den Mut es uns selbst zu erlauben? Haben wir im gleichen Maße den Mut uns verletzlich und schwach zu zeigen, oder müssen wir eine lieblose Umwelt befürchten, die dies nur zum Anlass nehmen würde sich als stärker über uns zu stellen?

Diese Fragen werfen ein Licht auf andere und wesentlichere Fragen, nämlich: Was in mir muss noch losgelassen und als zu eng gewordene Haut abgestriffen werden und wer sind danach dann noch meine Leute? Ja, aus dem Patriarchat auszusteigen kostet uns was und führt uns zugleich der Gruppe von Menschen zu, die das neue Kapitel unserer kulturellen Entwicklung schreiben werden.

Wenn Du also über all die bereits bekannten Maßnahmen hinaus noch etwas tun möchtest, das helfen könnte den Krieg gegen die Ukraine zu beenden, dann wende Dich bewusst wieder all dem Zarten in Dir zu. Spreche mit Deinen Dir liebsten Menschen darüber und vereinbare mit ihnen, in dem Sinne einen Frieden, dass ihr das „power-over paradigm“ zwischen euch abschafft. Lass all die in Jahren angestauten Tränen des Schmerzes fließen, denn das reinigt und hält zugleich unsere Herzen geöffnet.

Machen wir es, wie es uns die Ukrainer bereits 2013 auf dem Maidan-Platz in Kiew vorgelebt haben. Eine Frau, die dort unter Beschuss mit scharfer Munition russischer Schergen lag und sich, angesichts dieser nackten Gewalt, offensichtlich weigerte ihr Herz zu verschließen, sagte:

„Wir haben keine Angst, aber einige von uns können einfach nicht aufhören zu weinen.“

 

Holger Heiten

 

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