Die Männer sind nicht das Patriarchat

 

Die Männer sind nicht das Patriarchat
                                                                 Pat McCabe

Das Patriarchat ist ein gewalttätiges und krank machendes System, unter dem alle Menschen leiden, auch die Männer. Wie konnte es sein, dass es dennoch in der Geschichte so erfolgreich war?

Eine mögliche Antwort liegt darin, dass es sich, vor allem aufgrund einer bestimmten, ihr inhärenten Eigenschaft, seit mehr als 5000 Jahren gegen fast alle anderen Entwürfe durchsetzen konnte, nämlich durch die Unterdrückung, bzw. der extremen Kontrolle der eigenen Bedürfnisse und Gefühle. Das perfide dabei ist, dass diese Unterdrückung nicht direkt von außen, sondern quasi freiwillig, von jedem einzelnen Mitglied dieses Systems, an sich selbst vorgenommen wird.

Bis heute ist es Inhalt der Erziehung von Jungs zu Männern und immer mehr auch von Mädchen zu Frauen, zu lernen die eigenen Bedürfnisse, die eigene Sensibilität und Zartheit unter den Daumen halten zu können.
Die, die uns so erzogen, meinten es sogar noch gut, da sie mit Recht glaubten, uns nur so auf ein Leben in einer harten, nämlich durch eben jenes Patriarchat geprägten Welt, vorbereiten zu können. Auf eine Welt, in der, mit dem Patriarchat einhergehende Bedingungen wie Druck, Konkurrenz und Angst herrschen. Sie mussten ja befürchten, dass wir uns mit unserem Standpunkt ansonsten nie werden durchsetzen, oder in der Welt behaupten können.

Die Frage unserer Zeit ist jedoch, ob ein solch krank machendes System jemals eine gute Idee war und ob wir dieses System freiwillig weiter unterstützen wollen, indem wir einerseits unsere eigenen Bedürfnisse und Gefühle unterdrücken und andererseits unsere Kinder weiterhin dazu erziehen es uns gleichzutun. Die Antwort auf diese fast rhetorische Frage dürfte zunächst nicht besonders schwer fallen, zumal ja allenthalben zu beobachten ist, wie eine neue Zeit anbricht, in der ein neuer kultureller Mythos gewoben wird.
Bei genauerem Hinschauen wird jedoch deutlich, dass dazu mehr als nur ein politisches Verständnis und eine Entscheidung dagegen benötigt wird, denn das Patriarchat steckt, psychologisch gesehen, viel tiefer in uns drin, als uns lieb sein kann.

Viele von uns haben das harte Regiment mit dem man uns zum Funktionieren erzogen hat, derart verinnerlicht, dass es ihnen schon zur zweiten Natur wurde und was uns zur zweiten Natur wurde, verwechseln wir nach einiger Zeit nicht selten mit unserer ersten. Unbewusst, meist im Kindesalter, übernehmen wir irgendwann die perfiden Wirkmechanismen dieses Systems, wie ich in meiner Arbeit als initiatischer Prozessbegleiter immer wieder feststellen kann. So habe ich dabei z.B. Männer in ihrer Phantasie zu Kindheitserfahrungen zurückreisen lassen und sie gebeten sich jenen kleinen zarten Knaben, der sie damals waren, noch einmal vorzustellen. In einem Fall saß ein solcher Knabe bereits seit Stunden vor einem Teller mit Ekel erregendem Bundeswehr Dosenfraß. Sein Vater hatte verfügt, er dürfe nicht eher vom Tisch aufstehen, bis er es aufgegessen habe. Und so saß er dort noch, traurig und verloren, bis in die Abendstunden. Als ich meinen Klienten fragte, was er denn empfinden würde, wenn er den Kleinen da so sitzen sähe, antwortete er: „Der soll sich mal nicht so anstellen!“

                          Der Drill Officer „Über-Ich“ und seine Entmachtung

So funktioniert das Patriarchat, wir fangen irgendwann selber an uns zu sagen, dass wir uns mal nicht so anstellen sollen. Wir alle machen freiwillig dabei mit, dieses System zu erhalten, so wie andere freiwillig Facebook und Google mit persönlichen Daten füttern, und, ohne es eigentlich zu wollen, ein menschenverachtendes System unterstützen. Lange bevor wir dies kritisch hinterfragen könnten, nicht selten schon in einer vorsprachlichen Phase unserer kindlichen Entwicklung, treffen wir die Entscheidung, dass wir so sein wollen, wie man uns im Familiensystem braucht. Wir tun das, weil wir es als eine vitale und existenzielle Notwendigkeit empfinden, dazugehören zu können. Diese Entscheidung fällt oft so früh, dass wir ihre Auswirkungen bald nicht mehr von dem unterscheiden können, was unser ureigentlicher seelische Auftrag und Impuls war.

Einmal damit beauftragt, uns zu einem funktionierenden und passenden Rädchen im Getriebe des Systems zu formen, beginnt das so genannte „Über-Ich“ sein hartes Regiment. Als gehässige Über-Ich Attacke kommt es über so manchen von uns, wie ein Drill Officer in einem amerikanischen Boot Camp, wenn wir mal wieder eine Schwäche zeigten, nicht gut genug waren oder einen Fehler machten. Mittels des Über-Ichs beschimpfen und erniedrigen wir uns selbst, glauben uns damit zu Höchstleistungen anspornen zu können und werden den hohen Anforderungen an uns selbst jedoch beinahe nie gerecht. Ein solcher innerer Drill macht uns zu soldatischen Wesen, die ihre Gefühle und Bedürfnisse irgendwann derart unter Kontrolle haben, dass sie jedweden Befehl ausführen könnten und, präzise wie Uhrwerke, bestimmte gewünschte Verhaltensweisen abspulen können. So können wir dann auf Autopilot umstellen, stupide Arbeiten verrichten und können für immer längere Perioden zu „human doings“ werden, statt „human beings“ zu sein.

Einer psychologischen Logik folgend, bewerten und verurteilen wir dann bald nicht nur mehr uns selbst die ganze Zeit, sondern blicken mit derselben Härte auf unsere Mitmenschen – wir projizieren. Im psychologischen Umkehrschluss sowie einer spirituellen Logik folgend, verurteilen und bewerten wir jedoch immer nur uns selbst, wenn wir andere bewerten und verurteilen.
In diesem Spiegeleffekt liegt jedoch auch eine Chance, denn es fällt uns meist leichter uns bei der Verurteilung anderer zu ertappen, als die harte Hand zu erkennen, die den zarten Nacken unseres inneren Kindes zu packen bekommen hat. Mit ein wenig Ehrlichkeit gegen uns selbst, können wir dann immer, wenn wir andere bewerten oder verurteilen daraus schließen, für oder wegen was wir uns selber gerade verurteilen. Es ist ja geradezu der Klassiker beim Thema Projektion, dass derjenige, der seinen Nachbarn dafür verurteilt, dass er bereits mittags faul in seiner Hängematte liegt, sich insgeheim selber so sehr wünscht einmal derart entspannt zu sein, es sich jedoch, mit einiger Härte gegen sich selbst, verbietet.

Wenn wir jetzt den Wunsch haben uns selber aufrichtig zu erforschen und die tief verinnerlichten Wirkmechanismen des Patriarchats in uns aufzuspüren beginnen, liegt es gewissermaßen in der Natur der Über-Ich Funktion, uns dann eben dafür zu verurteilen, dass wir so bewertend sind und andere so leicht verurteilen. Hier beißt sich natürlich die Katze in den Schwanz und wir kommen von Anfang unserer Forschungsreise an nur aus dieser Nummer raus, wenn wir uns dabei mit Selbstliebe und Mitgefühl begegnen. Es gilt, dass das was ist, zunächst einmal sein darf, so verwerflich es unserem inneren Moralisten auch erscheinen mag. Wenn wir es wirklich schaffen wollen aus dieser inneren Schreckensherrschaft auszusteigen, dann ist es von Anfang an wichtig, uns immer wieder vor Augen zu halten, dass wir jetzt schon geliebt und liebenswert sind und dass wir dafür nichts aber auch gar nichts leisten, erst noch erreichen oder verbessern müssen.

Wenn zunächst mal sein darf, was ist und wir uns selbst bei jeder neuen Entdeckung mit Liebe und Mitgefühl begegnen können, dann müssen wir die Augen davor nicht verschließen oder etwas als inakzeptabel von uns abspalten. Vielmehr können wir es dadurch ganz nüchtern betrachten und weiter erforschen. Durch die reine und urteilsfreie Betrachtung und Selbstbeobachtung erst, können wir uns selbst vor Augen führen, wie tief und in welcher Weise wir bestimmte Verhaltensweisen verinnerlicht haben, oder sie zu einer unbewussten Kompetenz wurden. Auf diese Weise erst hören solche Verhaltensweisen und Wirkmechanismen auf, im Unbewussten agieren zu können, sie kommen ans Licht und können jetzt von uns bewusst außer Kraft gesetzt werden.

       Patriarchale Überlegenheit hat einen Preis der höher ist als die Belohnung

Das Patriarchat ist menschen- ja lebens-verachtend, indem es uns ein reibungsloses Funktionieren abverlangt und uns durch Angst, Druck und Konkurrenz krank macht. Es schnitt, insbesondere uns Männer, im Laufe der Jahrhunderte, nicht nur von einer gesunden Beziehung zu unserem Körper und unserer Fähigkeit ab, tief und fein zu fühlen, es schnitt uns in gleichem Maße auch von unserer gesunden Beziehung zum Körper der Erde, dem Ur-Weiblichen schlechthin, ab. Nur weil es dann nicht mehr so wehtat und die lebendige Erde für uns zu einem von uns losgelösten unbeseelten Ding wurde, konnten wir diesen Körper danach hemmungslos ausplündern und verletzen. Nur so konnten wir uns auch als vermeintlich geistig überlegenes und höher entwickeltes System über Kulturen und Völker stellen, in denen man nie auf die Idee gekommen wäre, die eigenen Bedürfnisse und Gefühle sowie alles Körperliche derart zu verteufeln.

Wer mit dem eigenen Körper und dem eigenen Gefühl verbunden ist und darüber auch mit dem lebendigen Körper der Erde, wer über das eigene Herz mit dem Herzen aller Herzen verbunden ist, hat ein natürliches und gesundes Taktgefühl und weiß, ohne es benennen zu können oder zu müssen, wer er oder sie ist. Eine solche Taktung ist weder mess- noch berechenbar und folgt Impulsen und Eingebungen, die sowohl aus einem weit verzweigten Netzwerk der weltlichen Verbundenheit als auch aus einer spirituellen Tiefe kommen. Menschen die derart ein- und angebunden sind, fühlen sich geborgen, geliebt und kennen die Angst nur als Krankheit.

Indem wir uns, unter dem Patriarchat, von unserer Körperlichkeit und dem Gefühl abschnitten, uns vermeintlich davon unabhängig machten und emanzipierten, wurde erst die hohe und krank machende Taktung unserer westlichen Kulturen möglich. Dadurch konnten wir andere überholen und ihnen gegenüber einige Vorteile herausschlagen, zahlten dafür aber den bitteren Preis, jetzt von dem uns tragenden Grund getrennt, nicht mehr zu wissen, wer wir aus jenem Grunde heraus eigentlich wären.

Mit überheblicher Amüsiertheit sprechen wir z.B. von „african time“ und meinen damit die Unberechenbarkeit und Unpünktlichkeit von Angehörigen anderer Kulturen. Mit unverhohlenem Chauvinismus outen wir uns dabei jedoch nur als Ignoranten gegenüber Kulturen, in denen andere Maßstäbe gelten und man weniger bereit ist sich selbst, bzw. die eigenen, aber auch soziale und spirituelle Bedürfnisse, dem Ziel des Funktionierens unterzuordnen.
In unseren westlichen Kulturen verlegten wir Menschen des Patriarchats uns, im Gegensatz zu den uns vermeintlich unterlegenen Kulturen, auf Oberflächlichkeit, Status und Außenwirkung. Wir erschufen uns eine Welt in der nur mehr das Wissen, nicht aber das Gewissen zählt und in der Fühlen schon sensationell sein muss, weil der Zugang zu tiefem Gefühl verstellt ist. Bar der Fühlung in solche Tiefen, die einstmals bis zu dem uns alle zusammennehmenden Grund hinabreichte, verhalten wir uns wie verlorene Seelen, wie spirituell Heimatlose, die sich verzweifelt mal an diese und mal an jene Lehre hängen und leicht zu vielerlei, auch zu politischem Unsinn, zu verführen sind.

c“And ain´t nobody fighting, cause nobody knows what to save
                                                                                          Gil Scott-Heron

   Um dem ein Ende zu setzen und heil zu werden, brauchen wir unser inneres Kind

Wenn wir dem ein Ende setzen wollen, dann hilft, wie oben bereits erwähnt, nur die Kraft der Liebe und darin zuerst der Selbstliebe und des Mitgefühls für sich selbst. Was hilft ist sich des kleinen zarten Kindes in uns anzunehmen, das im Laufe unserer persönlichen Entwicklung, seit unserer Kindheit irgendwo auf der Strecke geblieben ist. Es hat sich, mit seinen Bedürfnissen, Gefühlen und der Sehnsucht danach, sich tief und weit mit allem Leben zu verbinden, ängstlich, verraten und verwirrt, hinter seinen Schutzmechanismen verbarrikadiert. Dieser kindliche Anteil hatte damals ja vergeblich gehofft, von den Eltern in einer Weise geliebt und angenommen zu werden, die er hätte erwarten können. Vergeblich hoffte er auf das erlösende Gefühl dazugehören zu dürfen und schützt sich seither mit einem Schutzpanzer vor der Wiederholung der verletzenden Erfahrung, zurückgewiesen zu werden. Und er wartet auch weiterhin vergeblich auf das Angenommen-werden von außen, da dieses, nachdem unsere Eltern es uns nicht geben konnten, nie mehr kommen wird.

Dennoch gibt es Hoffnung für diesen kindlichen Anteil, denn ab dem Moment in dem die anderen Anteile in uns selber erwachsen geworden sind und wir selber Eltern eigener Kinder sein könnten, gibt es wieder jemanden, der sich ihm zuwenden kann. Kein anderer Mensch, Keine Partnerin und kein Partner könnten dies je für uns tun und sie wären auch hoffnungslos damit überfordert. Mit dem Erwachsenen in uns selbst erst, gibt es zum ersten Mal wieder jemanden, der sich jenes zarten Anteils annehmen kann, der wie stellvertretend für alle Eigenschaften steht, die wir dem Patriarchat bereit waren zu opfern.
Wenn wir vollständige Menschen werden wollen, das heißt im Sinne des Wortes, wenn wir unseren Standpunkt voll ausfüllen und ganz wir selber werden wollen, inklusive unserer Bedürfnisse und Gefühle sowie unseres Körperbewusstseins. Wenn wir uns aus den Fesseln des Patriarchats befreien wollen, in dem immer nur wenige mächtig sein können, weil viele in ihrer Kraft beschnitten sind, dann sollten wir beginnen eine neue, tragfähige und gesunde Beziehung zu diesem kindlichen Anteil aufzubauen.

Am Ende eines solchen Prozesses steht, diesen Anteil förmlich in den Arm nehmen zu können und ihm immer wieder zu vergewissern dass wir ihn lieben, so wie er ist und dass er sein darf so wie er ist, zart, sensibel und voller unverdorbener Liebe. Wir werden gelernt haben uns auf täglicher Basis, immer wieder schützend vor ihn zu stellen und seine Ansprüche an uns vernehmen zu können. Wir werden die Erfahrung gemacht haben, dass wir mit dem jetzt integrierten Anteil vollständig sind, im Sinne der Vier Schilde, „full circle“, ausgewogener und mehr aus unserer Mitte heraus leben.
Am Anfang desselben Prozesses könnte dem erwachsenen Anteil jedoch zunächst ein, in all den Jahren gewachsenes, Misstrauen den Erwachsenen gegenüber entgegenschlagen. Ebenso werden viele feststellen, dass die tief verinnerlichte Ablehnung gegen alles Zarte und Sensible in uns selbst, nicht einfach so zur Seite geschoben werden kann.

Es ist oftmals ein längerer Prozess, bis jene tragfähige Beziehung aufgebaut ist. Teil dieses Prozesses ist einerseits zu erkennen, woher unsere verinnerlichte Ablehnung allem Zarten gegenüber eigentlich kommt und wie sehr es überhaupt nicht unsere eigene ursprüngliche Absicht gewesen sein kann. Andererseits muss der kindliche Anteil, der die überkommenen Ansprüche an seine Eltern, immer noch vorwurfsvoll wie uneingelöste Schecks vor sich her trägt, zu einem Bewusstsein gelangen, der es ihm ermöglicht, diese zu zerreißen. Ein solches Bewusstsein ist erreicht, wenn wir einsehen können, dass uns letztlich nichts anderes bleibt, als unser Leben zu dem Preis anzunehmen, zu dem wir es bekommen haben und dann weitergehen.
Der Prozess, diese Beziehung aufzubauen, verlangt den Langmut der Liebe, wie nur reife Erwachsene ihn haben können. Wir müssen dem, ggf. trotzigen und misstrauischen inneren Kind immer wieder vermitteln können, dass unsere Liebe länger währen wird, als es seinen Widerstand dagegen aufrechterhalten kann. Er verlangt auch, dass wir lernen wahrzunehmen, wenn der kindliche Anteil zu uns spricht.

Hier folgt im Originaltext eine Reihe von Übungen und Hinweisen, wie wir jene Beziehung zum inneren Kind aufbauen und pflegen können, die wir hier aufgrund der Länge überspringen.

       Geliebt wirst Du einzig, wo schwach Du Dich zeigen kannst, ohne Stärke zu                                                                             provozieren.
                                                                                                           Theodor W. Adorno

Wenn wir derart aus der systemimmanenten Autoaggression des Patriarchats aussteigen, müssen wir uns jedoch auch bewusst machen, dass wir uns damit gegen das, bzw. außerhalb des Establishments stellen. Obwohl z.B. wir Männer dadurch unser Mann-Sein heilen, also ganz werden, gelten wir, auf Grund der perfiden Wirkmechanismen des Patriarchats, in bestimmten Kreisen dann plötzlich nicht mehr als „richtiger Mann“, wenn wir unseren Gefühlen und Bedürfnissen Ausdruck verleihen. Schnell fallen abschätzige Worte wie „Weichbirne“ oder „Warmduscher“. Aber das brächte nur die systemimmanente, verbale oder subtile Gewalt zum Ausdruck, die, wie wir weiter oben bereits gesehen haben, nichts anderes ist als die nach außen projizierte Gewalt, die man ansonsten gegen den eigenen kindlichen Anteil anwendet.

Ebenso tief sitzt aber auch die Angst davor, als Verräter und Gefährder des Systems wahrgenommen und deshalb vernichtet zu werden. Zur ersten Hoch-Zeit des Patriarchats und seinem hierarchischen System, nämlich zur Zeit des römischen Reiches, tauchte mit Jesus Christus ein Mann auf, der sich mit seiner Überzeugung und Lebensweise sowie mit einigem Charisma, ebenfalls gegen das damalige Establishment stellte. Er predigte seiner schnell wachsenden Anhängerschaft etwas, dass die Befreiung aus dem Joch jenes autoaggressiven und gewaltsamen Systems verhieß. Er predigte von der Liebe als vornehmstes Gesetz und als Kraft, die alle, egal wie tief in der römischen Hierarchie eingeordnet, frei macht und adelt. Menschen, die über sich keine andere Autorität mehr als das Göttliche akzeptierten und statt der Angst, die Liebe wählten, waren aus römischer Sicht unregierbar geworden und wären es im positivsten Sinne tatsächlich auch heute noch.

Deshalb musste Jesus physisch vernichtet werden, er musste ans Kreuz geschlagen und auf dem Altar des Patriarchats geopfert werden, so wie wir dort täglich unsere Gefühle und Bedürfnisse opfern, damit dieses System weiter existieren kann. Jeder Mensch, der dem Patriarchat in sich selbst Einhalt gebietet und die Liebe über die Angst stellt, wird zu einem vollständigen Menschen, wird charismatisch und hört auf sich in seiner Selbstwirksamkeit zu beschneiden. Jeder Mensch der das tut, stellt sich damit außerhalb der systemimmanenten Hierarchie und stört diese. Jeder Mensch der sich so verhält, ist damit eine Gefahr für die Mächtigen und muss befürchten, dafür ans Kreuz geschlagen zu werden, auch wenn das Kreuz heute oft auf dem Golgatha der sozialen Medien steht und die Nägel nicht mehr aus Eisen sind.

Wenn wir das Patriarchat und das hierarchische Denken tatsächlich hinter uns lassen, dann müssen nicht mehr viele in ihrer Selbstwirksamkeit beschnitten werden, damit wenige mächtiger sein können als sie. Dann darf wieder jeder und jede so strahlend und schön sein, wie er oder sie nur kann, ohne befürchten zu müssen, von einem barbarischen System der Gleichmacherei und Konkurrenz, auf ein für die anderen erträgliches Maß herunter nivelliert zu werden. In hierarchischen Systemen haben Menschen nämlich ständig Angst vor einander. Man befürchtet es könnte jemand schöner, schneller oder klüger sein und man selbst würde in der hierarchischen Ordnung dadurch nach unten sinken, weniger wert sein, weniger attraktiv für das andere Geschlecht usw.. Wenn jemand aufgrund eines Talentes, seiner Schönheit, Geschicklichkeit oder Intelligenz aus der Masse herausragt, dann haben patriarchale Gemeinschaften so ihre Wege, diesem Jemand zu verstehen zu geben, dass man das nicht besonders schätzt. Dann wird schnell mal unterstellt, dass dieser Jemand wohl glaubt etwas Besseres, oder ein Angeber zu sein, der es offenbar nötig hat. Es droht der Ausschluss und die Luft wird dünn. Entweder setzt sich dieser Jemand jetzt gegen alle Unkenrufe und für den Preis nicht mehr so richtig zu den anderen dazuzugehören, durch und erkämpft sich so eine höhere Position, oder er tritt zurück ins Glied und stellt sein Licht unter den Scheffel.

Eine solche Barbarei wäre in einer nichthierarchischen Ordnung nicht nötig. Niemand müsste sich mehr durch einen Jesus in seiner Machtstellung bedroht fühlen und niemand müsste mehr ans Kreuz geschlagen werden, welcher Art auch immer. Niemand hätte es mehr nötig, um selber besser dazustehen, bzw. sich wieder wertvoller zu fühlen, einen anderen, oder andere zu erniedrigen. Keine Minderheit, kein fiktiver innerer oder äußerer Feind müsste mehr dafür herhalten und bekämpft oder gar vernichtet werden. Auch müsste niemand mehr die eigenen Bedürfnisse und Gefühle unterdrücken und könnte jeder und jede mit ihren einzigartigen Talenten und Eigenschaften in Gänze erblühen. Alle könnten dem Garten des Lebens ihren einzigartigen Duft, ihre einzigartige Farbe und ihren ebensolchen Klang hinzufügen. Das Leben um uns herum wäre eine gewaltige Symphonie und es würde eine buntere, vielseitigere und inspiriertere Welt entstehen, die klüger und flexibler mit Herausforderungen umgehen könnte, weil niemand mehr überfordert ist, da alle schlicht an ihrem jeweiligen Platz stehen und dort tun was sie können.

Wir können es leicht in uns selbst beobachten, ob wir in einem solchen Garten zu leben, genießen könnten, oder ob wir noch eher zur Barbarei neigen. Können wir einander strahlend und charismatisch sein lassen und haben wir den Mut es uns selbst zu erlauben? Haben wir im gleichen Maße den Mut uns verletzlich und schwach zu zeigen, oder müssen wir eine lieblose Umwelt befürchten, die dies nur zum Anlass nehmen würde sich als stärker über uns zu stellen?
Diese Fragen werfen ein Licht auf andere und wesentlichere Fragen, nämlich: Was in mir muss noch losgelassen und als zu eng gewordene Haut abgestriffen werden und wer sind danach dann noch meine Leute?
Ja, aus dem Patriarchat auszusteigen kostet uns was und führt uns zugleich der Gruppe von Menschen zu, die das neue Kapitel unserer kulturellen Entwicklung schreiben werden.

                            Die bewusste Königlichkeit macht den Unterschied

Mit Recht könnte jetzt eingewandt werden, dass es doch manchmal sinnvoll und wichtig ist, seine Gefühle und Bedürfnisse kontrollieren zu können und dass wir bei strenger Auslegung des bisher Gesagten doch letztlich lebensuntauglich wären. Das stimmt natürlich, wir würden uns ja z.B. ständig in die Hose machen, wenn wir es nicht gelernt hätten, z.B. unser Bedürfnis Wasser zu lassen, zurückhalten zu können, bis wir eine Toilette gefunden haben.
Es gibt selbstverständlich viele wichtige Bereiche oder Situationen im Leben, in denen es wichtig sein kann, seinen Zorn zu zügeln, sein Missfallen oder seine Freude, Enttäuschung oder Traurigkeit nicht allzu deutlich zu zeigen. Der ganze Unterschied zwischen einem noch in unbewusster Weise mit dem Patriarchat verstrickten Menschen, zu einem selbst bestimmten König, bzw. einer solchen Königin, liegt schlicht darin, dass ein König, bzw. eine Königin, all diese Gefühle und Bedürfnisse zurückhalten kann, es im Unterschied zu dem Anderen aber nicht muss. Ein König, eine Königin, kann diese Möglichkeit einsetzen, oder aber seinen oder ihren Gefühlen freien Lauf lassen, wenn er oder sie es so will.

Text: Holger Heiten, Dezember 2021

In dem zukünftigen Buch Text, wird es ab hier um die Beschreibung eines komplexen, jedoch eingängigen Prozesses gehen, der uns am Ende sowohl unsere volle Souveränität, als auch unser Eingebunden Sein in das Gewebe des Lebens zurückgeben kann.

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