Wie wir sind

Essay

WIE WIR SIND

Da leben Menschen, weißerblühte, blasse,
und sterben staunend an der schweren Welt.
Und keiner sieht die klaffende Grimasse,
zu der das Lächeln einer zarten Rasse
in namenlosen Nächten sich entstellt.
Sie gehn umher, entwürdigt durch die Müh,
sinnlosen Dingen ohne Mut zu dienen,
und ihre Kleider werden welk an ihnen,
und ihre schönen Hände altern früh.
                                                                             Rainer Maria RilkeWir versuchen es zwar meist zu verbergen, als sei es ein Makel, aber bei genauerem Hinsehen können wir sofort erkennen, dass wir sehr zarte Wesen sind, dass wir hinter aller Fassade, hinter all unseren Selbstschutzmechanismen und Panzern sehr zarte und verletzliche Wesen sind. Deshalb sagt der Volksmund, auf uns Menschen gemünzt, dass die Schale der Auster so hart, weil ihr Inneres so weich ist. Die spätere Frage, wer wir sind, erschließt sich vielleicht erst, wenn wir uns vor Augen führen, wie wir sind.

In meiner Arbeit mit Kraft entfaltenden Ritualen in der Natur, wie etwa der Visionssuche, erlebe ich immer wieder, dass Teilnehmer*innen von einer solchen Erfahrung zurückkehren und von Wundern oder Magie sprechen, die sie erlebt haben. In Wirklichkeit aber haben sie sich lediglich in einem möglichst großen zeitlichen Freiraum und einem als „sicher genug“ empfundenen, schützenden rituellen Rahmen in der Natur aufgehalten. In diesem Freiraum getrauten sich feinste und hoch sensible Instrumente ihrer Wahrnehmung endlich wieder auf Empfang zu gehen. Diese Instrumente stehen im Grunde jedem Menschen zur Verfügung und was sie wahrnehmen können, hat nichts mit einem Wunder oder gar mit Magie zu tun, sie nehmen schlicht eine größere und feinere Wirklichkeit wahr, die immer um uns ist, nur dass wir sie im Alltag nicht mehr sehen können.

Da leben Menschen, leben schlecht und schwer,
in tiefen Zimmern, bange von Gebärde,
geängsteter denn eine Erstlingsherde;
und draußen wacht und atmet deine Erde,
sie aber sind und wissen es nicht mehr.
                                                      Rainer Maria Rilke

Für die meisten von uns ist der Alltag so laut und grob, ist die Bilder- und Informationsflut so gewaltig geworden, dass wir es uns nicht mehr leisten können, jene feinsten Instrumente der Wahrnehmung zu aktivieren. Die Wahrnehmung abzustumpfen, wurde uns, meist unbewusst, zur Überlebensstrategie im Alltag.
Menschen, die aus großen Städten zu uns ins Eschwege Institut kommen, brauchen manchmal Tage, bis sie den Gesang bestimmter Vögel wieder bewusst wahrnehmen können.

Dass unsere physische Umwelt, die wir uns als Lebensort geschaffen haben, so
wenig dazu passt, wie und wer wir ureigentlich sind, hat mit einer psychischen
sowie gesellschaftspolitischen Bedingtheit zu tun, die uns dies vergessen ließ.
Dieses Buch soll uns zunächst daran erinnern, wer wir wirklich sind, sowie
welche Bedingtheit uns von uns selber so entfremdete. Danach aber soll es
darum gehen, wie wir wieder zu uns und nachhause finden können.

In unserer Selbstvergessenheit und durch all die uns einhüllenden Schutzpanzer voneinander scheinbar isoliert, leben wir in ständiger Sorge um uns selbst. Wir leben in Angst vor einem Außen, dass uns nur als so bedrohlich erscheinen kann, weil wir auch nach innen und zur Tiefe hin keinen Zugang mehr zu dem pflegen, was in diesem Buch als Allverbundenheit bezeichnet wird. Derart verängstigt, besorgt und isoliert verhalten wir uns nicht mehr, wie wir uns natürlicherweise verhalten würden.

Wir haben Angst vor einander, vor Nähe und vor morgen. Gleichzeitig haben wir Angst davor, nicht geliebt zu werden, keine Nähe zu erfahren und dass sich die Mikroorganismen, aus denen unsere Körper ja zu mehr als der Hälfte besteht, gegen uns wenden und wir krank werden. Vieles, womit wir unsere kostbare Zeit auf Erden verbringen, hat mit dem vergeblichen Versuch zu tun, uns von den natürlichen Bedingungen des Lebens zu emanzipieren und uns abzusichern sowie unsere natürlich gegebene Umwelt in einen scheinbar sicheren Ort zu verwandeln. Inzwischen finden wir uns jedoch als Sklaven in einem großen lieblosen Gefängnis wieder, das wir uns für unser vermeintliches Freiwerden selber erschufen.

Wer jetzt gänzlich vergäße, wer wir wirklich und ureigentlich sind, wer außer
Acht ließe, dass wir vom Ureigentlichen nur verstellt und deshalb so verworren sind, und wer aus der Distanz nur darauf schaute, wie wir uns benehmen oder miteinander sowie mit unserer Umwelt umgehen, dem oder der wäre es sicherlich schwer, uns besonders lieb zu haben.

Und andererseits braucht es manchmal nur ein schönes Wochenende mit
lieben Menschen, das gemeinsame Erleben schöner Musik oder der großen
Natur und die Erinnerung daran oder zumindest eine Ahnung davon, was
Menschsein bedeutet, was für feine und liebenswerte Wesen wir sind, kommt
zurück. Kaum fällt die alltägliche Bedrückung von uns ab, fassen wir uns wieder an den Händen und lachen.

Dasselbe gilt auch für Krisen, in denen die uns haltenden Systeme kurzzeitig
wegbrechen, wie etwa nach einem schweren Erbeben oder in Zeiten des Krieges.
Als Kind konnte ich das im Winter 1978/79 während der großen Schneekatastrophe in meiner ostfriesischen Heimat erleben. Menschen, die jahrelang dicht an dicht nebeneinander in ihren schmucken Einfamilienhäusern gelebt hatten, ohne je wirklich mehr als „Guten Tag“ zueinander zu sagen, standen jetzt beieinander und unterhielten sich.

Zuvor hatte es ausgesehen, als würden alle sich ständig nur kritisch beäugen.
Man redete schlecht über einen, der seinen Rasen nicht oft genug mähte oder
in irgendeiner anderen Weise die stillschweigend vereinbarte Norm verließ.
Jetzt verhielten sich alle, als gehörten sie einer großen fröhlichen Familie an.
In Ermangelung staatlicher Hilfe organisierten die Menschen sich ihre Hilfe
selbst. Gemeinsam wurden Wege durch die mehr als mannshohen Schneeverwehungen geschaufelt und wurden die Alten und Gebrechlichen mit allem versorgt, was sie brauchten. Obwohl dies eine Katastrophe genannt wurde, hatte ich die Menschen in meinem Dorf nie zuvor so lebendig und miteinander lachend erlebt wie damals.

Der Religionsphilosoph und Anthropologe Martin Buber sagt in seinem
berühmten Werk, „Ich und Du“, dass alles wirkliche Leben Begegnung sei:
Begegnung mit einem „Du“, das mit uns gegenwärtig ist und uns wirklich meint, hört und sieht. Erstaunlicherweise sagt er auch, dass es uns, wenn wir Begegnungen dieser Qualität nicht haben könnten, aus anthropologischer Sicht gar nicht geben würde.

Wir alle, die damals in Ostfriesland dabei waren, erinnern uns noch bis heute mit fast verklärtem Blick an dieses Erlebnis „wirklichen Lebens“. Und so geht es fast allen, die sich, ob in besonders schönen Momenten oder unter den Bedingungen einer Katastrophe, ihres Menschseins gewahr werden. Wir erinnern uns nicht an die Katastrophe oder den Anlass an sich, sondern vielmehr an die menschlichen Begegnungen sowie an das Erlebnis, dabei gespürt zu haben, dass es uns gibt.

In solchen Erinnerungen klingt dann eine Sehnsucht nach wirklichem Leben
mit, die Sehnsucht danach, nachhause zu kommen, wo wir so sein können, wie
wir wirklich sind, wo wir die sein können, die wir ureigentlich sind und dennoch oder gerade deshalb geliebt sind.

Wenn wir dieser Sehnsucht nachgehen wollen, ist es wichtig, von Anfang an
einzusehen, dass wir nicht nachhause finden, indem wir uns für unser Verpanzert- und Verstellt-Sein oder für unsere Ängstlichkeit verurteilen und glauben, erst noch besser, gut genug oder freier werden zu müssen. Frei werden wir erst durch die Annahme und zeitlose spirituelle Zusage, dass wir aufhören können zu rennen und jetzt schon zuhause angekommen sind, dass wir jetzt schon geliebt und angenommen sind und dafür nichts mehr, aber auch gar nichts mehr tun und auch nie hätten tun müssen. Spirituelle Praxis bedeutet hier, genau diesen Muskel zu trainieren und unter anderem dadurch die Nebelschleier zu lichten, die bisher verhinderten zu erkennen, dass wir bereits zuhause sind.

Der Muskel, den es dafür braucht, ist der Muskel der Selbstannahme, der Selbstliebe und des Mitgefühls für sich selbst. Es braucht die Haltung, dass zunächst einmal sein darf, was ist, und wir, so verloren und fehlerhaft wir uns auch gerade fühlen mögen, geliebt und der Liebe wert sind. Es geht somit nicht um Selbstoptimierung, sondern darum, sich zu glauben, bereits gut genug zu sein. Es geht darum, dass aus dieser spirituellen Perspektive nichts, was wir tun oder lassen, schlimm genug sein könnte, um aus diesem Geliebt-Sein herauszufallen. Natürlich sollten wir auf der alltäglichen weltlichen Ebene wissen, dass wir Fehler, die wir dort begangen haben, wieder gut machen müssen, erst Recht, wenn wir dadurch andere verletzten. Dies fällt uns jedoch wesentlich leichter, wenn wir gleichzeitig wissen, dass wir aufgrund unseres Fehlers nicht unser Recht darauf verwirkt haben, in der Liebe zu sein.

Gott verschwendet seine Liebe auch an den Bösesten, wie
dürfte der Mensch die seine mit strenger Buchhaltung nach
Ehre und Verdienst verwalten!
Martin Buber

Aus der spirituellen Perspektive kommen wir immer gerade erst zuhause an,
wie der buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh es zu sagen pflegte, und sind
unwissend wie Kinder, die alles zum ersten Mal erleben. Und um immer gerade erst ankommen zu können, brechen wir auch immer gerade erst wieder auf, hängen an nichts wie an einer Heimat, wie Hermann Hesse es in seinem Gedicht „Stufen“ zum Ausdruck bringt, um weiterhin „heiter Raum um Raum zu durchschreiten“.

Der christliche Mystiker und Benediktiner Mönch David Steindl-Rast
fasst dieses scheinbare Paradox der Gleichzeitigkeit von Angekommen- und
Unterwegs-Sein wie folgt in der Haltung des Pilgerns zusammen: „Der Pilger
weiß, dass jeder Schritt auf dem Weg überraschenderweise schon zum Ziel
führen kann, er weiß jedoch auch, dass sich das vermeintliche Ziel, auf ebenso
überraschende Weise, als doch nur ein weiterer Schritt auf dem Weg erweisen
könnte.“

PS.: Dieser Essay ist ein leicht abgewandelter Auszug aus dem gleichnamigen Kapitel in meinem Buch „Zeit nachhause zu kommen„.
Bei Interesse gibt es hier mehr Infos zum Buch.
Das Wunder ist, wenn wir nichts dagegen unternehmen