Die Idee einer ersten und zweiten Reise des Lebens ist eine entwicklungspsychologische Metapher, die in vielen Kulturen bzw. Religionen bekannt ist. Sie ist das Fana der Moslems, nachdem sie Baka erfüllt haben, somit eine fest umrissene Persönlichkeit geworden sind. Sie ist die Pilgerschaft oder Einsiedelei (Vanaprastha) der Hindus nach der Geburt des ersten Enkelkindes und sie ist der zweite Teil der Odyssee nach Homer.
In Homers Original und ganz anders als in dem gerade populären Kinofilm dargestellt, musste Odysseus für diese zweite Reise, nach seiner Rückkehr nach Ithaka, gemäß einer Weissagung, zum Festland übersetzen, ein Ruder über die Schulter legen und solange landeinwärts wandern, bis ihn jemand fragen würde, was er denn mit jener Schaufel auf seiner Schulter vorhabe.
Welch schöne Metapher dafür, dass wir für die zweite Reise so lange nach innen gehen müssen, bis die Dinge der Küste bzw. der Äußerlichkeit als solche nicht mehr erkannt werden.
An dieser Stelle musste Odysseus einen Stier, einen Widder sowie einen mutigen Eber opfern, um später König von Ithaka werden zu können. Wieder eine wunderbare Metapher, da diese Tiere für genau jene – eher egogetriebenen – Kräfte stehen, die Odysseus brauchte, um sich als jüngerer, zorniger Mann und Krieger in Troja sowie während seiner abenteuerlichen Irrfahrten durchzusetzen und seine Ziele zu erreichen. Um jedoch ein guter König zu werden, der seinem Volk und nicht mehr Ruhm und Ehre, oder mit heutigen Worten, seiner Karriere, Selbstverbesserung oder Selbstbereicherung dient, muss er diese Kräfte opfern. Nur so ist es ihm möglich, all jenes, was er im Leben gelernt hat und geworden ist, zum Wohle seines Volkes einzusetzen.
All diese Metaphern veranschaulichen eine tiefgreifende seelische Bewegung, die sich bei vielen Menschen im Alter zwischen 50 und 60 vollzieht und unserer Aufmerksamkeit eine entscheidende Richtungsänderung aufzwingt. Entscheidend deshalb, weil vieles darauf hinweist, dass die sog. erste Reise des Lebens letztlich nur die optimalen Voraussetzungen dafür schaffen soll, die wesentlichere zweite Reise des Lebens antreten zu können.
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Vieles in unserem Leben hat einen Siebener Rhythmus. Wir alle kennen z.B. die Woche als Rhythmus von 7 Tagen. Versuche, diesen Wochenrhythmus zu durchbrechen, z.B. mit einer 10-Tagewoche im Zuge der französischen Revolution oder mit dem sowjetischen Revolutionskalender, schlugen sämtlich fehl, sodass jeweils zum Sieben-Tage-Rhythmus zurückgekehrt werden musste. Nach sieben Tönen auf der Tonleiter erreichen wir die jeweils höhere Oktave. Man spricht vom sog. verflixten 7. Jahr, bei Hunden wird ein Lebensjahr gern in 7 Menschenjahre umgerechnet und Menschen scheinen sich auch körperlich alle 7 Jahre zu verändern. Doch was ist dran an diesem Siebener-Rhythmus, gibt es z.B. in der Entwicklung von uns Menschen so etwas wie Sieben-Jahres-Schritte?
In der Betrachtung des griechischen Philosophen Philon, die später wieder in der Anthroposophie Rudolf Steiners aufscheint und auch auf astrologischen Beobachtungen beruht, finden wir interessante Hinweise dazu. Auch wenn sie in der individuellen Lebenswirklichkeit manchmal ein Jahr früher oder später deutlich werden, vollziehen sich nach dieser Betrachtung, wesentliche lebensbiographische Entwicklungen und Reifungsprozesse in Siebenjahresschritten und korrespondieren dabei mit dem sog. Saturnzyklus, denn der Planet Saturn bewegt sich astrologisch gesehen in Zeitabschnitten von etwa sieben Jahren.
Hier von einem exakten 7-Jahreszyklus zu sprechen, würde allerdings eine Idealisierung darstellen, wie sie etwa in der anthropologischen Entwicklungspsychologie Rudolf Steiners vorgenommen wurde. Die Einteilung in einen Rhythmus von exakt sieben Jahren ist natürlich sehr elegant, jedoch ungenau. Ein Saturn-Zyklus, d.h. ein Umlauf um die Sonne dauert nämlich genau genommen 29 Jahre und 166 Tage. Zusätzliche Abweichungen sind auf die von der Erde aus zu beobachtenden Rückläufigkeiten des Saturn zurückzuführen.
Nach einem Viertel Umlauf, also demnach nach ca. 7 1/3 Jahren steht der Saturn im Quadrat, d.h. im rechten Winkel zu seiner Geburtsposition. Nach etwas mehr als 14 Jahren steht er in Opposition zu der Geburtsposition, nach fast 22 Jahren wieder im Quadrat, und nach etwas mehr als 29 Jahren wieder in der Geburtsposition. Letzteres wird als Wiederkehr des Saturn, oder als Saturn-Return bezeichnet. Gerade während der Phase der Wiederkehr des Saturn treten wichtige, wenn nicht gar die wichtigsten Entwicklungs- und Reifungsschritte in unser Leben.
Der Saturn bewegt sich sehr regelmäßig, wie ein Uhrwerk. Saturn ist die lateinische Bezeichnung des griechischen Kronos, der von vielen mit Chrónos dem Zeitgott gleichgesetzt wird. In unserer Lebenszeit durchlaufen wir üblicherweise zwei bis drei Zyklen. Da ein Zyklus fast 29 ½ Jahre dauert, verschieben sich die Abweichungen vom exakten 7-Jahreszyklus mit zunehmendem Alter entsprechend weiter nach vorne.
Der erste Zyklus ist von 0-29 Jahren. In diesem Lebensabschnitt dreht sich alles ums Lernen sowie die Vorbereitung aufs Leben. Der zweite Saturn Zyklus, in dem es um das eigenverantwortliche und mitverantwortliche Leben eines Erwachsenen in Gesellschaft, Familie und Beruf geht, ist von 29-59. Im dritten Zyklus, von 59-88, den wir hier mit der zweiten Reise des Lebens gleichsetzen, geht es darum, alles was wir bis dahin geworden sind und gelernt haben, in den Dienst einer höheren Sache zu stellen, einer Sache, für die wir dies alles geworden sind und dies alles gelernt haben.
Der Saturn verkörpert Form und Struktur im Leben und gilt als ziemlich strenger Lehrer, der uns Verantwortung für uns selber lehrt. Er stellt die Trennungslinien dar und bildet so den Rahmen, in dem eine Persönlichkeit geformt wird. Während der Wiederkehr des Saturn prüft er uns darin ob wir etwas wirklich wollen oder wirklich sind. Alles was nicht authentisch und gefestigt ist, stürzt in sich zusammen. Diese umwälzende Kraft muss jedoch nicht nur negativ sein, verhilft sie uns doch zu einer „inneren Wiedergeburt“.
Er warnt das Individuum vor zu großer Hartnäckigkeit, zu schneller Bewegung und der Überlastung seines geistigen Gerüsts. Er sorgt dafür das alles zu seiner Zeit und nichts vor der Zeit kommt.
Wie sein Gegenspieler wirkt hingegen der Mut-Planet URANUS, der für die menschliche Neigung steht, die Grenzen sprengen zu wollen sowie ungebunden und unkonventionell zu sein. Die Energie des Uranus ist spürbar, wenn wir einen Neuanfang wollen, wenn wir kündigen oder uns trennen. Nicht alle Entscheidungen die wir mit dieser rebellischen Energie treffen sind klug, aber sie laden Abenteuer und Umwälzungen in unser Leben ein, die wir im Nachhinein meist nicht missen wollen. Bei einer schwierigen Stellung neigt die betreffende Persönlichkeit evtl. aber auch dazu, alles zwanghaft anders machen zu müssen.
Jetzt kommt etwas Astrologie-Latein, als Referenz für den 7`jahres Zyklus: Die siderische Umlaufzeit des Uranus beträgt rund 84 Jahre, das heißt, dass der Uranus etwa alle 7 Jahre in ein neues Tierkreiszeichen tritt, bzw. alle 21 Jahre in einem Spannungsaspekt zu seiner Geburtsposition steht. Nach 21 bzw. 63 Jahren steht er im Quadrat, nach 42 Jahren in Opposition dazu und nach 84 Jahren wieder auf der Position, die er bei der Geburt innehatte. Dieser Zeitpunkt, zu dem der Planet wieder in Konjunktion zu seiner Geburtsstellung tritt, wird, als Wiederkehr, bzw. als Uranus-Return bezeichnet.
Der Uranus mit seinem langsamen Umlauf hält sich also etwas exakter an den Sieben-Jahres-Rhythmus.
Das antagonistische Verhältnis zwischen dem Grenzen-Setzer Saturn und dem Grenzen-Sprenger Uranus hilft zu verstehen, weshalb wir uns zu bestimmten Zeitpunkten unseres Lebens, durch entsprechend gegensätzliche Anforderungen an uns, zerrissen fühlen und dadurch in tiefe Krisen gestürzt werden können. Dabei müssen die Konstellationen nicht immer genau zeitgleich sein, sie stehen aber in einem engen zeitlichen Zusammenhang. Genau genommen ist damit die Zeit um das Alter von 21-22 Jahren (sowohl Uranus als auch Saturn stehen im Quadrat zur Geburtsstellung), sowie die Lebensjahre von 42-44 (sowohl Uranus als auch Saturn stehen in Opposition zur Geburtsstellung). Letztere sind u.a. die Konstellationen der Midlife-Crisis, wobei sich die Energie des Uranus zuerst bemerkbar macht. Sie wird gerade hier als Wunsch spürbar aus Konventionen und Begrenzungen auszubrechen und in dieser Zeit haben viele den Mut dies auch zu tun. Da wird der schon lange unliebsam gewordene Job hingeschmissen, eine festgefahrene Beziehung gelöst, der Wohnort noch einmal gewechselt, mit irgendetwas neu begonnen und dergleichen mehr. Wenn dann im Alter von etwa 44 Jahren der Saturn in Opposition zur Geburtsstellung tritt, werden wir von jenem strengen Prüfer vor die Konsequenzen unserer Handlungen gestellt. Nicht selten bereuen einige dann die Trennung und andere Schnellschüsse, die unter dem Einfluss des Uranus gewagt wurden.
Auch in der Zeit 21-22 Jahren sowie spät im Leben in den Jahren von 84 (Uranus-Return) bis 88 (Saturn-Return) verhält es sich so, dass uns zunächst die Uranus Energie zu gewissen Befreiungsschlägen ermutigt und Saturn uns hernach vor die Konsequenzen unserer Handlungen stellt.
Sicher können wir astrologisch auch von anderen Planetenumläufen her Rückschlüsse auf Entwicklungsprozesse in unserem Leben ziehen. Um den Rahmen hier jedoch nicht zu sprengen will ich es lieber bei diesen beiden Prägnanten belassen und lieber noch ein anderes astrologisches Phänomen mit einbeziehen, das unsere Entwicklungsschritte anfeuert, bzw. einläutet, nämlich den sog. Mondknoten.
Als Mondknoten werden in der Astrologie die Schnittpunkte der Sonnen-und Mondbahn bezeichnet. Sie bilden Schicksalspunkte im Horoskop und stehen alle 18 Jahre, 7 Monate und 9 Tage in der gleichen Position am Himmel wie zum Zeitpunkt unserer Geburt. In der Astrologie geht man davon aus, dass Ort und Zeitpunkt unserer Geburt mittels eines Horoskopes, Aussagen über unser Sosein und somit auch über unseren Seelenauftrag machen können. Nicht weil eine Planetenkonstellation irgendetwas bewirken könnte, sondern weil sie schlicht und einfach ablesbar veranschaulichen, was sich auch auf allen anderen Ebenen des Kosmos, z.B. in unserem eigenen Leben, thematisch genauso ereignet. Während eines Mondknoten-Durchlaufes liegt der verpflichtende Charakter unseres Seelenauftrages dann quasi wieder in der Luft.
Der Mondknoten wird oft als mahnende Instanz erlebt, die uns insbesondere dann schüttelt und rüttelt, wenn wir bezüglich unseres Seelenauftrages eingeschlafen oder weit vom Weg abgekommen sind. Lebenslügen und schlechte Kompromisse halten einem solchen Durchlauf oft nicht stand. Wer seinem Ruf, bzw. einer inneren Führung hingegen treu geblieben ist, bemerkt einen Mondknoten-Durchlauf eventuell gar nicht.
Jedenfalls durchleben wir mit 55 Jahren und nicht ganz 10 Monaten unseren dritten Mondknoten, bei dem wir entlang unserer eigentlichen Ideale sowohl unsere spirituellen als auch unsere zwischenmenschlichen Bezüge auf eine neue Stufe stellen. In der hier hauptsächlich thematisierten Lebensphase zwischen 55 und 63 Jahren kommen also die drei großen astrologischen Faktoren Uranus im Quadrat, Saturn Return sowie der dritte Mondknoten allesamt zum Tragen.
Legen wir all das bisher Gesagte auf das vierspeichige Rad des Lebens, welches, einem Kompass gleich, vier Himmelsrichtungen oder alternativ Lebensphasen anzeigt, ergibt es ein durchaus sinnvolles Bild, das uns beim Selbstverstehen behilflich sein kann. Grob gesagt verbringen wir in jeder der vier Himmelsrichtungs-Qualitäten jeweils etwa 14 – also zwei mal sieben Jahre.
Nach 14 Jahren Kindheit, 14 Jahren Pubertät und Adoleszenz, 14 Jahren junges Erwachsensein und
14 Jahren reifen Lebens, stehen wir mit 56 Jahren, bzw. wenn wir den tatsächlichen Saturnzyklus zugrunde legen, der ja in 7 1/3 Jahresschritten vorwärtsschreitet, mit 59 Jahren, zum zweiten Mal vor dem Tor, durch das wir anfangs per Geburt, die erste Reise unseres Lebens antraten und das uns jetzt zur sog. zweiten Reise des Lebens einlädt. Wir haben jetzt einmal „Full Circle“ gelebt und werden durch die sich gleichzeitig ereignende Wiederkehr des Saturns geprüft, ob wir genug gereift sind, genug gelernt haben und wirklich bereit sind, jene zweite Reise sinnvoll anzutreten. Wir haben jetzt nämlich (idealtypischer Weise) die schwerste Verantwortung des Nordens an Jüngere übergeben und uns Raum für die zweite Reise geschaffen.
Wir lernen auf der zweiten Reise, wie wir in der Einleitung dieser Newsletter lesen konnten, uns anheimzustellen, uns mit allem, was wir geworden sind und gelernt haben, einem größeren Willen und einer größeren Sache zu unterstellen und hinzugeben. Wir werden, wenn es gut läuft, zu Ältesten. Dies ist ein heiliger Vorgang, der sehr individuell verläuft.
Doch gilt auch, dass wir zwar alle alt, jedoch nicht alle Älteste werden. Nicht wenige sind auch nach der großen Zäsur im Alter zwischen 50 und 63 Jahren noch mit Themen der ersten Reise des Lebens beschäftigt und werden es eventuell auch bis zum Ende ihres Lebens sein. Sie beschäftigen sich weiterhin mit den Fragen „Wer bin ich und was ist eigentlich meine Aufgabe?“, oder damit, weiterhin vor sich herzuschieben, Strukturen zu erschaffen, die der Erfüllung dieser Aufgabe gedient hätten. Auch Odysseus wird nachgesagt, dass es ihm besser geschmeckt hätte, noch einmal eine Expedition zusammenzustellen, ein neues Schiff auszurüsten, um noch einmal in See stechen zu können, die Meerenge von Gibraltar zu passieren und auf den großen Ozean hinaus zu segeln. Stattdessen ins Landesinnere zu wandern zu einem, aus seiner Sicht wahrscheinlich eher weniger reizvollen Bauernvolk, dass sein Tal noch nie verlassen hatte, muss einem Abenteurer und Helden wie ihm eine bittere Pille gewesen sein.
Und so sind auch viele von uns heutigen Menschen im besagten Alter verlockt, z.B. noch einmal eine Firma aufzubauen, statt jetzt einmal in sich zu gehen und eine Expedition nach innen anzutreten. Mit der zweiten Reise des Lebens liegt noch einmal eine ebenso weite Reise vor uns, wie die, die wir in das Außen und Weltliche unternommen haben, nur dass es diesmal nach innen geht.
Wahr ist hingegen auch, dass für die meisten von uns im Alter zwischen 56 und 59 Jahren, die zweite Reise des Lebens, aus wirtschaftlichen Gründen und aus solchen des Renteneintrittsalters, effektiv noch nicht angetreten werden kann, obwohl es der erste ideale Zeitpunkt dafür wäre. Der Prozess des Aufbruchs zu jener zweiten Reise indes wird in diesem Alter ausgelöst und wird mit der zweiten Wiederkehr des Saturns noch einmal angefeuert.
Vereinfachend kann im Weiteren gesagt werden: Wir sind auch das zweite Mal für 14 Jahre im Süden, dem auf der ersten Reise die Kindheit zugeordnet war und genießen diesen auf einer anderen, nicht mehr kindlichen Qualitätsstufe. Genuss, Körperlichkeit, Ungezwungenheit und Leichtigkeit spielen eine neue und reifere Rolle. Aus dieser Haltung heraus geben wir aus unserer Lebenserfahrung an unsere Enkel oder eben an Jüngere weiter. Unsere Spiritualität wird verstärkt zum Thema. Im Alter von 63 Jahren steht der Planet Uranus noch einmal im Quadrat zur Geburtsposition und bringt noch einmal das rebellische Bedürfnis mit sich, sich von allerlei Begrenzungen, Einengungen, oder Konventionen zu befreien. Dies könnte durchaus die nächste Chance zu einem Befreiungsschlag in Richtung des Aufbruchs zur zweiten Reise des Lebens sein, z.B. mit dem Wunsch, frühzeitig in Rente oder in den Ruhestand zu gehen.
Bis wir ungefähr 73 Jahre alt werden, vollziehen wir viele Dinge, die uns immer wichtig waren, oder neu wichtig wurden, von denen wir wissen, dass sie später nicht mehr möglich sein werden, und runden sie ab.
Rainer Maria Rilke drückt dies in einem Gedicht, wie immer trefflich, so aus:
Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.
Aus ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangne Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.
Rainer Maria Rilke
Text: Holger Heiten, gerkürzter Auszug aus seinem noch unveröffentlichten Buch „Kreis und Mitte mitten in uns“


