Was mag wohl von der Corona Krise bleiben?

Immer wieder fragen wir uns, welche positiven und irreversiblen Folgen die Corona-Krise wohl für unsere zukünftige Wirklichkeit haben wird.
Eine ist sicherlich, dass nachdem wir kollektiv in eine Art Crashkurs über digitale Kommunikation gestürzt wurden, weniger Menschen einsehen werden, für eine Konferenz nach München oder Hamburg zu fliegen, wenn man sie doch auch online abhalten könnte. Die positiven Folgen für den ökologischen Fußabdruck liegen auf der Hand. Auch die Wiederentdeckung unseres eigenen Landes als Urlaubsort wird zu einem geringeren Flug-Aufkommen nach der Krise führen. Nicht zufällig geht der Airline-Riese Lufthansa von bis zu 30% weniger Flug-Aufkommen nach der Krise aus und legt ihre Tochter Germanwings still.

Aber zurück zum kollektiven Entdecken der Online-Kommunikation, mit der wir hier Im Eschwege Institut gerade selber sehr beschäftigt sind: Wir beobachten eine ganz bestimmte Müdigkeit, die sich nach einer Weile vorm Bildschirm mit anderen, einstellt. Wir fragten uns, woher sie wohl rührt. Uns war klar, dass sie nicht nur der Tatsache geschuldet sein kann, das man viel sitzt und leichter mal den Kontakt zum eigenen Körper verliert. Dagegen können wir ja was unternehmen und für eine größere Gegenwärtigkeit im Körper sorgen.

Nein, es muss noch ein anderer Faktor mitspielen und dies ist, worauf wir bei unseren Überlegungen kamen:
Wenn wir uns mit unseren Teilnehmer*innen in unserer Yurte treffen, ist es ein beinahe schon müheloser Vorgang, sich mit allen in der Gruppe zu verbinden, bzw. verbunden zu fühlen. Dieser soziale Vorgang ist einem gut trainierten Muskel gleich, er geschieht zum großen Teil natürlich und bereits „automatisch“, bzw. über den Teil unseres Neuronalen Systems, den wir „den Automaten“ nennen.

Wenn wir uns mit derselben Gruppe in einem digitalen Konferenzraum online treffen, versucht „der Automat“ die Verbundenheit ebenfalls so mühelos herzustellen, trifft jedoch auf neue und unbekannte Parameter. So fehlt z.B. der Geruch, die unmittelbare Ausstrahlung oder das körperliche Spüren der anderen. Deshalb ist eine „automatische“ Verbindung nicht so einfach, wie gewohnt möglich.
Wir sind gezwungen, die durchaus mögliche und auch tiefe Verbundenheit mit der Gruppe bewusster und weniger automatisch herzustellen. Es wird sozusagen ein weniger trainierter Muskel beansprucht. Den würden wir im sog. „Diplomaten“ verorten, also in dem Teil unseres neuronalen Systems, der im präfrontalen Lappen unseres Gehirns zu finden ist und mit dem wir „gegenwärtig“, im „Jetzt und Hier“ sein können.

Spannend ist, dass wir etwa 25% der dem Gehirn zur Verfügung stehenden Energie, z.B. in Form von Glukose, verbrauchen, wenn wir gegenwärtig sind. Dies, obwohl dieser dafür zuständige Bereich des Gehirns nur etwa 5% seiner Masse ausmacht. Wir gehen deshalb davon aus, dass die ungewohnte und vermehrte Inanspruchnahme des „Diplomaten“ für diese besondere Müdigkeit steht.

Dies heißt jedoch auch, dass wir uns gerade kollektiv in einem riesen Trainingslager befinden, in dem der der Muskel der Gegenwärtigkeit gestärkt wird. Zudem handelt es sich dabei um eine Art sozialer Gegenwärtigkeit. Wir sind quasi in einer neuen Weise für einander jenes „Du“, dass der Anthropologe und Religionsphilosoph Martin Buber als die Voraussetzung sah, um als Personen aneinander zu wachsen.

Wäre das nicht ein weiteres Geschenk dieser Krise?
Lasst uns das mal aus dieser Perspektive beobachten und später überprüfen, ob unserer Vermutung wohl zutraf.

May it be so 🙂

Herzlichst Holger und Gesa Heiten

It´s bigger than us!
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